Matthias

:gestorben 1986

:ganz jung noch

:hatte einen "Stohhalm" gesucht

:kam am Abend vor seinem Eigentod zu mir...und ich hab nichts gemerkt und hatte keine (auf jeden Fall zu wenig) Zeit für ihn...

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Zusammen hatten wir viel Zeit verbracht. Matthias war Student (ich glaube) im 5. Studienjahr und im Fotoclub. Mein erster richtiger "Schüler". Einer, der das Zeug hatte, besser zu werden als der "Lehrer". Wie viele Stunden verbrachten wir in der Dunkelkammer, experimentierten, suchten nach "dem Bild".

 

Irgendwie kam er von einer anderen "Truppe". Die Stasi hatte ihn irgendwann geworben, nun studierte er Philosophie und sollte danach wahrscheinlich bei dieser Truppe ausbilden. Über "Stasi" spricht man nicht, auch wenn man nächtelang in der Dunkelkammer gemeinsam verbringt. Es war, soweit ich weiß, nie ein Thema.

 

Matthias stand irgendwie vor dem Lehrdiplom, irgendwie musste er Probleme damit gehabt haben. Er wusste, dass ich seit Jahren Lehre mache - und wohl mit den Studenten und diesem Leben recht gut zurecht kam.

 

Eines Abends kam er zu mir. Und so richtig heraus wollte er nicht mit der Sprache. Wir redeten, ich gab paar gut gemeinte Ratschläge... machte wieder meine Bilder. Die waren sowieso das, was uns verband. Darüber hatten wir viel ausgetauscht. Aber über ML-Lehren, über irgendwelche pädagogischen Sachen ?? Was sollte das... das war ja Arbeit, die hatte so richtig bei uns keinen Platz...

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Es war im August 1986. Die Lehre machte Spaß. Die Welt war erschüttert. Im April hatte ein Reaktorblock 60 Kilometer nördlich von Kiew der Welt gezeigt, dass man mit dieser (bis dahin so gedachten) sauberen Energie nicht spaßen darf. Aber die Welt drehte sich weiter. Fleißig übten alle am Vergessen. Mit zwei weiteren Hochschullehrern sollte ich für 5 Monate zur "Erhöhung der Qualifikation" an das IPK (Институт Повышении Квалификации)(hoffentlich hab ich nicht zu viele Fehler drin - bin schon ganz schön aus der Übung) nach Kiew gehen. Natürlich wurden wir gefragt, ob wir nach Tschernobyl noch fahren wollen. Man stellte es uns frei.Ich konnte mir nicht vorstellen, diese Möglichkeit, in einem anderen Land zu sein und andere Menschen kennenzulernen, anders zu leben und anders zu denken - schließlich gab es Perestroika und Gorbi - zu vergeben.

 

Der "fotoclub philosophie", der zentrale Fotoclub der Karl-Marx-Universität Leipzig (ich hatte ihn 1975 gegründet) entwickelte sich prächtig. Wir hatten unsere ständige Club-Ausstellung im Hauptgebäude ("Foyer obere Zentralmensa" hieß das) und auch jüngere Studenten waren recht aktiv. Seit einigen Jahren fuhr der fotoclub zusammen für 14 Tage ins Jugendlager der KMU nach Dranske auf Rügen. Auch 1986. Gemeinsam erholen, gemeinsam fotografieren, gemeinsame Projekte... Wir hatten einen Bungalow für uns und richteten ein Labor ein. Am Tage wurde fotogafiert, nachts wurde entwickelt...und am Morgen konnten die Lagerbewohner die Ergebnisse ansehen. Wir bekamen sofort "Rückmeldung", konnten korrigierend wiederholen...So entstanden gewöhnlich auch gute Fotoarbeiten. Und danach eine Ausstellung mit The Best Of.

 

Nach einem Projekt des fotoclub philosophie in der DHfK "Ein Fotoclub geht baden", wo 8 Leute über einen Zeitraum von mehreren Monaten versuchten, ihr "Bild" vom Training der Schwimmer in dieser Hochschule zu machen, hatte ich mich immer stärker mit Unterwasser-Fotografie beschäftigt. 1986 stellen Rainhard Rudolf, Klaus Bauerfeind und ich zusammen aus: "Menschen unter Wasser". Es war thematisch sehr eng die Annäherung an den im Wasser schwebenden Menschen. Und es war, so denke ich, eine gute Ausstellung.

 

Jedenfalls wurde ich dann auch noch Taucher. Hatte meine erste Prüfung abgelegt und fleißig "Unterwassergehäuse" für diverse Fotoapparate gebaut. Und es muss auch die Zeit gewesen sein, in der die Bilder von "Boyles Unterwasserakte" entstanden. Unser Tauchclub "TAZA" (hier muss mal noch das Logo hin, denn das hab ich mitgeschaffen) (TAZA heißt übrigens ganz unprosaisch: Taucherausbildungzentrum Ammelshain - unsere Basis war an einem herrlichen Steinbruch bei Ammelshain (das ist etwas östlich von Leipzig)) ...also, unser Tauchclub wollte Verbindung aufnehmen mit KIEWer Tauchern. Die Ukraniner hatten ja schließlich die Krim - und ein besseres Tauchgebiet gab es für einen DDRler wohl kaum.

 

TAZA hatte ein Unterwassergehäuse für die Praktica entwickelt und konnte es in Serie fertigen. Gewöhnlich bauten die tauchenden Fotografen und die fotografierenden Taucher (den Unterschied werde ich später mal erläutern) ihre Gehäuse für die Kameras selbst, und jeder anders. Mit großen Aufwand... Unsere Leute vom TAZA hatten einen Bausatz entwickelt, der in Serie hergestellt wurde. Jeder konnte für vertretbares Geld diesen erwerben und mit einigermaßen technischem Geschick seine Kamera einbauen und fotografieren gehen. Diesen Bausatz hatten wir den Kiewern angeboten - sozusagen als "Schlüssel" für die Krim.

 

Der "Schlüssel" hat übrigens funktioniert. Leute aus unserem Tauchklub waren später im weißen Meer und im Baikal tauchen. Ich glaube auch auf der Krim. Und für mich war es der Ausgangspunkt meiner Expeditionen in den Fernen Osten, nach Moneron, auf die Insel Sachalin und zu den Kurilen. 1991 dann noch Kamtschatka.

 

Aber KIEW und Expeditionen sind ein anderes Thema. Auch in Dranske fotografierten wir unter Wasser. Es waren schöne Ferien. Leider musste ich schon eher weg, da ich nach KIEW aufzubrechen hatte. Ich fuhr also nach KIEW und ein neuer Abschnitt meines Lebens begann. Es war eine andere Welt. Ich lernte so viele phantastische Menschen kennen. (z. B. IGOR GAIDAI, ein Fotograf aus KIEW - siehe: www.foto-gaidai.com

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1987, nach 5 Monaten in Kiew kehrte ich nach Leipzig zurück. Die ganz normale Arbeit nahm wieder seinen Gang. Es kam die Sowjetunion hinzu, denn nun hatte ich eine zweite Heimat. Eines Tages erkundigte ich mich, wo denn Matthias sei.

 

Und man erzählte mir, dass er nicht mehr lebt. Im August 1986 hatte er sich zu Hause aus dem Fenster gestürzt. Bald wurde mir mit Erschrecken klar, dass es an dem Tag nach unserem "Gespräch" war. Dass vielleicht ich der letzte war, den er angefleht hatte. Ich aber hatte nichts, auch gar nicht bemerkt... Wie weit kann man in dieser "Lebensmühle" schon drin sein, dass man Signale nicht mehr wahrnehmen kann?! Wie weit muss man auf sich fixiert sein, um solche "Hilferufe" nicht zu bemerken?!

 

Heute weiß ich, dass ich mir eine riesige Schuld aufgeladen habe. Da rennen wir durchs Leben, taub und blind (prahlen noch mit unserer Sicht, hängen auch noch mit den "Resultaten" dieser "Sicht" ganze Ausstellungen voll) und spüren den Nächsten nicht. Wir sind mit uns beschäftigt, rotieren und schleudern heraus... aus uns... auf den Rest der Welt. Aber, was kommt bei uns an... Leider handle ich nicht so wie ich es mir selbst wünsche: jedem sollte deutlich sein, dass es eine ausgestreckte Hand, ein offenes Ohr, und manchmal auch Trost geben kann bei mir. Aber ich zeige das nicht! Vielleicht sollte man sich so ein Zeichen irgendwo hinstecken, wo das drauf steht. Aber, dann muss es auch noch piepsen, wenn diese Art der Hilfe gebraucht wird von mir, denn manchmal, so scheint es mir danach, spüre ich das überhaupt nicht.

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Nun, hier sollte nicht das letzte Wort geschrieben sein...